Blogpatenschaft für ein Frauentagebuch


Die Göre proudly presents ihre erste Blogpatenschaft: Ich freue mich, an dieser Aktion der Blogpaten teilzunehmen.

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem 2005 erschienenen Buch “52 Dienstage – Ein Frauentagebuch“, geschrieben von 51 Frauen (und einem Ehemann) an 52 Dienstagen des Jahres 2005. Herausgeber ist der Verein Lebendiger Leben! e.V., Verein zur Förderung selbstbestimmten Lebens von Frauen und Mädchen mit Behinderungen in Sachsen. Das Buch ist über den Verein käuflich zu erwerben.

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Dienstag, 15. Februar 2005
Geweckt werde ich durch weiche Schnurrhaare und schrecke hoch, weil es so kitzelt. Wenn ich wieder einmal die ganze Nacht nicht schlafen konnte, es noch lange versuche, in den Schlaf zu fallen und letztlich dann doch noch starke Schlafmittel nehmen muss – werde ich erst spät wach, wenn es schon hell ist. Der Katze dauert das dann zu lange und sie prüft somit, ob ich noch ein Lebenszeichen von mir gebe.

Oft ist es schon nach acht und ich versuche aufzustehen. Wenn das nur so leicht wäre, bei dem kaputten Rücken. Was ich in den vielen REHA-Kliniken mit auf den Weg bekam – die obligatorische Aufrichtetechnik – ist nun in Fleisch und Blut übergegangen. Es hängen die Beine heraus, der ganze Körper wird steif gemacht, und so wie die Beine nach unten gehen, richtet sich der Oberkörper auf. Nun sitze ich erst einmal am Bettrand. Beim Aufstehen stützen sich meine Arme an den Beinen entlang.

Ich weiß nicht, warum der Körper früh so mühselig in Gang kommt. Dabei bin ich erst Mitte 50. Was soll das noch werden?

So beginne ich die notwendigen häuslichen Dinge und frühstücke dann am Fenster der Küche – dabei legt sich die Katze auf die Heizung. In letzter Zeit passiert es oft, dass ich mich dann schlapp und angeschlagen fühle. Ich weiß inzwischen, dass es keinen Sinn macht, weitere Arbeiten zu verrichten. Häufig genügt es, wenn ich mich für 15 Minuten hinlege. Dann beruhigt sich alles, auch mein Körper, und ich kann starten.

Aber was für ein Start? Banalitäten, häuslicher Kleinkram, die einfachsten Dinge, die früher noch mit links und nebenbei erledigt wurden. Nach meinen vielen Operationen bin ich invalidisiert und somit aus dem Berufsleben entfernt. Mein Leben füllt mich jetzt nicht aus, aber ich habe auch nicht die Kraft, die ein „Mehr“ zulassen würde.

Nicht selten beschleicht mich ein Gefühl der Nutzlosigkeit: Wozu bin ich noch nütze? Bin ich überhaupt noch zu etwas gut?

Zwei Waschgänge, Hausordnung und das Mittagessen vorbereiten…so vergeht die Zeit, und es ist bald zwölf Uhr. Ich mache mir allerdings die Mühe, den Tisch besonders liebevoll zu decken (Blumen, Kerze, Servietten). – Würde zeigen, auch mir selbst gegenüber.

Danach lege ich mich hin – schon wieder. Lese und ruhe aus, mit der Katze auf dem Bauch.

Am Nachmittag komme ich noch schwerer hoch. Dieses Mal ist es weniger der Rücken, sondern die Niedergeschlagenheit. Depressivität?… Sie fängt mich wieder ein und drückt mich nach unten. Das Wetter draußen begünstigt noch meine gedrückte Stimmung. Ich weiß, ich müsste noch saugen und einen Brief schreiben … der Kopf weiß es auch, aber er stellt das nicht durch – weder an die Arme, noch an die Hände, auch nicht an die Beine. Also bleibe ich sitzen und tue nichts.

Habe später wenigstens einige Zeitschriften gelesen, um den Stapel kleiner werden zu lassen. Die Katze schmiegt sich an mich. Nicht nur ihr tut das gut, auch meine Seele wird berührt.

Da ich zeitig Abendbrot esse, bereite ich es in der Küche schon vor.

Telefonanrufe am späten Nachmittag oder frühen Abend fallen mir sehr schwer. Bin kurz angebunden und versuche, die Gespräche schnell zu beenden. Denn auch reden kostet Kraft, und die habe ich abends nicht mehr. Schon gar nicht möchte ich aufwühlende Themen, die mir die Nachtruhe rauben, erörtern. Gute Bekannte wissen inzwischen, dass ich ab acht nicht mehr zu sprechen bin. Es ist ohnehin Zeit ins Bett zu gehen, denn die Wirbelsäule fordert das. Meistens lese ich ein Buch, um so zur Ruhe zu kommen.

Autorin: anonym
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Bisher online veröffentlichte Beiträge:
11. Januar 2005 – Autorin: Erika Knobloch
8. März 2005 – Autorin: Anja Damme

Und hier noch der Aufruf der Initiatorin Ina Müller-Schmoß:

Wer möchte eine weitere Alltagsschilderung aus „52 Dienstage“ veröffentlichen und damit dazu beitragen, diese Themen sichtbarer zu machen? Alle beteiligten Beiträge werden gegenseitig verlinkt. Ich lade hiermit auch die Autorinnen der „52 Dienstage“ dazu ein, das Bloggen einmal auszuprobieren. Weitere Infos bitte bei mir über das Kontaktformular erfragen.

3 Gedanken zu “Blogpatenschaft für ein Frauentagebuch

  1. Pingback: Ein Tagebuch wird vernetzt :: Blogpatenschaften - Wir fördern Vernetzung

  2. Pingback: Vernetzungs-Mashup September 09 :: Blogpatenschaften - Wir fördern Vernetzung

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