Meine Erfahrungen mit Online-Seminaren/ -Konferenzen in virtuellen 3D-Welten


Mein Beitrag zur 10. Ausgabe des Blog Carnival von WissensWert zur Frage „Funktionieren eigentlich Online-Seminare und -Konferenzen?“
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Ich bin mir sicher, dass Prof. Andrea Back und Jochen Robes, Herausgeber/in des WissensWert Blog Carnival, die Antwort auf ihre Frage selbst grundsätzlich positiv beantworten würden und dies auch mit Beispielen aus eigener Praxis belegen könnten. Allerdings hat Jochen Robes in einem Kommentar im Carnival-Beitrag von Ellen Trude zugegeben, mit der virtuellen 3D-Plattform Second Life keine Erfahrung zu haben. Deshalb möchte ich hier gern den Faden aufnehmen, den meine liebe Kollegin Ellen – aka Jule Tenenbaum (SL) – in ihrem faszinierenden Rundumschlag aus 10 Jahren Praxiserfahrungen in der Entwicklung und Implementierung von eLearning und eTraining begonnen hat zu spinnen…

Seit August 2009 erkunde ich als Dora Quar die virtuelle Welt Second Life. So habe ich zum Beispiel im Oktober 2009 an der eintägigen Konferenz Island Day 09 auf European University Island in Second Life teilgenommen, unter anderem organisiert von der Universität Bielefeld. Meine Geburtshelfer von SLTalk & Partner haben mich schnell auf ihren Arbeitskreis „E-Learning in virtuellen Welten“ aufmerksam gemacht. Da mich dieses Thema (verständlicherweise, so als Studienleiterin eines Fernlehrgangs, als ehemalige und aktive Fernstudentin sowie als Pressesprecherin des Fachverbandes Forum DistancE-Learning und des ILS) persönlich sehr interessiert, habe ich seit September 2009 an den regelmäßigen Sitzungen teilgenommen, war aktiv in die Vorbereitung einer Sitzung einbezogen – und konnte am 14. Januar 2010 erstmalig eine AK-Sitzung selbst leiten. Es war übrigens richtig voll: 35 Avatare haben sich die Ehre gegeben…

Meine Erfahrungen als Inworld-Referentin/-Moderatorin
An dieser Stelle möchte ich meine Erfahrungen als Referentin und Moderatorin einer Online-Sitzung des Arbeitskreises eLearning zusammen fassen. Eine Aufzeichnung der Sitzung gibt es übrigens hier. Ich möchte aber betonen, dass es einen großen Unterschied macht, ob man eine Video-Aufzeichnung sieht oder eine Sitzung inworld als Avatar live miterlebt!

1. Die Kombination aus Voice und Textchat
Etwas, was sicherlich auch andere Online-Plattformen bieten, ist die Kombination aus Voice und Textchat. Es war mir als Impulsreferentin möglich, parallel zu meinem Vortrag die Kommentare im Chat zu lesen und direkt darauf einzugehen (das verlangt ein wenig Multitasking und bleibt ab und zu lückenhaft, ist aber im Prinzip nichts anderes, als wenn Real Life Events mit einer Twitterwall unterstützt werden). Außerdem sind so Randkommentare möglich und es kann spontane Zustimmung oder Ablehnung signalisiert werden, ohne dass dies den Vortragsfluss stören muss.

2. Der Ich-bin-mittendrin-und-nicht-nur-dabei-Effekt
Doch in Second Life kommt etwas hinzu, was 2D-Lösungen nicht bieten: die RÄUMLICHE Verortung, die simulierte Anwesenheit in einem RAUM. Dies sorgt für eine gefühlte Präsenz, die über die bei Video-Konferenzen meines Erachtens hinausgeht. Eine emotionale Involviertheit – auch Immersion genannt – entsteht. Dies ist für den Denk- und Merkprozess von enormem Vorteil.

3. Interventionstechniken wie in Präsenzseminaren auch
Der virtuelle RAUM ermöglicht zudem den Einsatz von Interventionstechniken, die wir sonst nur aus Präsenzseminaren kennen. So habe ich in der von mir geleiteten Inworld-AK-Sitzung viel mit Gruppenaufstellungen nach dem Prinzip der Soziometrie gearbeitet, wie ich sie aus meiner Coaching-Ausbildung kenne. Dia Diqui (im echten leben der 3D-elearning-Experte Matthias Rückel) hat dies in seinem Feedback dies „Abstimmung mit den Füßen“ genannt, und tatsächlich bedeutet es schlichtweg, dass alle Teilnehmer/innen sich zu einer Frage positionieren müssen, im wahrsten Sinne des Wortes eben. Durch diese aktive Beteiligung wird nicht nur die Aufmerksamkeit geschärft, sondern auch das Vorgetragene intensiver aktiv reflektiert und auf sich selbst bezogen, als wenn man still auf seinem Stuhl sitzen bleibt (real oder virtuell). Meine Erfahrung ist, dass dies im Virtuellen tatsächlich genau so gut funktioniert wie im realen – eventuell sogar noch besser, weil die Kameraführung es erlaubt, sich auch mal von oben einen Überblick zu verschaffen, was einem im Realen verwehrt bleibt. Das Schöne an Soziometrie-Aufstellungen in Workshops ist, dass die Gruppe viel mehr über sich, die Zusammensetzung und die einzelnen Teilnehmer/innen erfährt und intensiver ins Interagieren kommt. Second Life bietet ergänzend die Möglichkeit, dass Einzelne untereinander IMs austauschen können (entspricht dem privaten Chat – und dem störenden Flüstern in real Life… im Virtuellen wird die Grupe dadurch keineswegs gestört. So können sich spontane Randgespräche entspinnen, die durchaus frtuchtbar sein können – hauptsache man verliert den Anschluss beim „Hauptgeschehen“ nicht…). Angeregt durch die sichtbar gemachten Positionen zu einzelnen Aspekten, können alle schnell untereinander in Kontakt treten.

4. Mehr als nur eine Conferencing-Technik – eine ganze Welt…!
Was Second Life für mich als Conferencing- bzw. eLearning-Tool so überaus attraktiv macht, ist etwas, das so keine andere Software oder Plattform in dieser Weise bietet: Second Life bildet eine Art Welt, in der ich reisen kann. Ich kann schnell andere Orte besuchen – so zum Beispiel die virtuellen Niederlassungen anderer Universitäten. Auf meinen Streifzügen durch Second Life bin ich so zum Beispiel spontan zu einem offenen Meeting der SL-Aktiven an der University of Helsinki dazu gestoßen und wurde herzlich in ihrer Mitte aufgenommen. Und ich habe mich spontan bei den offenen Vorbereitungstreffen der weltgrößten eLearning-Konferenz in Second Life – der „Virtual World Best Practices in Education 2010“ – eingeklinkt. Diese Erfahrungen und spannenden Begegnungen mit anderen eLearning-Experten wären mir in geschlossenen webbasierten Conferencing-Systemen natürlich verwehrt geblieben.

…wie, gar keine Probleme?
Wenn ich hier so begeistert über Second Life als Stellvertreter für virtuelle Welten im Einsatz für Online-Seminare und -Konferenzen spreche, so möchte ich nicht verhehlen, dass es auch Hüprden, Schwierigkeiten und Grenzen gibt. Die größte Hürde ist meines Erachtens im Moment das wirklich stark angeschlagene Image von Second Life. Im Hype verbrannte Erde will von vielen nun nicht (mehr/wieder) betreten werden. Was darüber hinaus an Hürden oft kolportiert wird – der Aufwand, sich mit dem System vertraut zu machen, um sich halbwegs souverän durch SL bewegen zu können, und die Anforderungen an die Grafikkarte und den Arbeitsspeicher im eigenen Rechner – halte ich persönlich für übertrieben. Denn muss man sich nicht mit jedem aufwändigen webbasierten Conferencing-System ausführlich vertraut machen, um es wirklich effizient und kreativ einsetzen zu können? Und mein kleiner alter und günstiger Rechner von Aldi lässt mich in Second Life so gut wie nie hängen.

So weit meine ersten Reflektionen zum Einsatz von 3D-Welten für Online-Seminare und -Konferenzen… Ach ja, und für alle, die sich fragen, wie man denn in Second Life mit Powerpoint präsentiert. Ganz einfach: Die Charts in JPGs umwandeln und ins eigene SL-Inventar hochladen, von dort aus werden sie per virtuellem Laptop auf eine virtuelle Leinwand projiziert

Zu guter Letzt bleibt mir zu sagen, dass ich gerne bereit bin, allen, die sich gern einmal persönlich einen Eindruck von den aktuellen Möglichkeiten von Second Life verschaffen wollen, eine kleine Führung durch die virtuelle Welt zu bieten.

Es grüßt die PR-Göre
Dora Quar

10 Gedanken zu “Meine Erfahrungen mit Online-Seminaren/ -Konferenzen in virtuellen 3D-Welten

  1. Besonders den zweiten Punkt möchte ich unterstreichen. Es ist etwas anderes, ob ich in einem Virtual Classroom bin und ggf. Webcam-Aufnahmen der anderen Teilnehmer sehe (was eh nur mit sehr wenigen Teilnehmern sinnvoll ist), oder mich mit den anderen Teilnehmern in einem (virtuellen) Raum befinde und alle sich simultan bewegen können etc.

    Aktuell stört mich in SecondLife nur noch sehr, dass es keine Real-Names gibt. Dadurch wird die Kommunikation und das Wiedererkennen doch sehr erschwert, wenn man sich nicht nur im 3D-Internet aufhält. Aber hier soll es im Laufe des Jahres ja eine Verbesserung geben, wenn ich das richtig verstanden habe.

  2. Sehr schön, dass es eine Aufzeichnung von dieser Sitzung in 2nd Life gibt. So kann man sich doch mal einen Eindruck verschaffen. Ich habe dadurch schon die Vermutung, dass man in 2nd Life als Online-Präsentator/in oder -Moderator/in nicht so schnell online-müde wird wie ich letztes Jahr (vgl. http://www.business20.ch/2009/12/05/online-seminare-kosten-mehr-energie-wissenswert-blog-carnival-nr-10/). Da ist schon mehr Bewegung und auch etwas fürs Auge geboten.
    Ihr Avatar hat da (ca. Min 58) ein Engelchen und ein Teufelchen? wie Zwergpapageien auf der Schulter sitzen :-)). Gehören die zum Outfit oder in die Virtuelle Welt – als eigene Avatare? Wirklich nett, und macht neugierig.

  3. @ Andrea Back
    Oh ja, die beiden (Engelchen und Teufelchen) können ganz schön lebendig sein! Tatsächlich sind sie eher als „Zubehör“ zu bezeichnen, fliegen zwar eigenständig ihre kleinen Kreise um mich rum, doch wenn sie etwas sagen, dann leihe ich ihnen eigenen (inneren) Stimmen, die ich ihnen für einen Moment in den Mund lege…😉
    Wenn Sie Lust haben, zeige ich Ihnen gern einmal „mein“ Second Life. Sagen Sie einfach Bescheid, wann es Ihnen mal passt.

  4. @ Markus Jung
    Danke für Deinen bestätigenden Kommentar in punkto Lebendigkeit von virtuellen 3D-Sessions.
    Ich bin gespannt, wann Real Names in Second Life kommen – und ob ich mich dann nopch von meinem Alter Ego Dora Quar trennen kann. Sie ist doch mittlerweile ein ganz schön eigenständiges und eigenwilliges Persönchen geworden!😉

  5. @diegoerelebt Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es schwerer fällt sich von seinem Avatar zu trennen, wenn man diesen erstmal in SL fest etabliert und ihm eine Persönlichkeit gegeben hat (oder mehr noch, wie Du schreibst, ein „eigenes Persönchen“ geworden ist).

    Hier wird es gut sein, beide Alternativen zu haben und vielleicht auch je nach Anlass mit dem fiktionalen oder realen Namen aufzutreten.

    Aber gerade wenn Veranstaltungen nicht mehr nur Second Life selbst zum Inhalt haben sollen, sondern zum Beispiel Lehrveranstaltungen oder Kongresse zu anderen Themen ersetzen/ergänzen sollen halte ich es für unerlässlich, dass man auch gleich weiß, mit wem aus dem realen Leben man es zu tun hat.

    Es wird sicher auch spannend werden zu beobachten, ob und wie sich Second Life insgesamt dadurch verändern wird – denn es wird dann ja eigentlich immer weniger ein Second Life, sondern (noch?) mehr Bestandteil des First Life.

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