Wird Fairplay jemals eine deutsche Tugend? | Perspektivwechsel #03


Zur Premiere von „Der ganz große Traum“ in Hamburg.

1887 bringt der neue Englischlehrer Konrad Koch aus England nicht nur eine fremde Sprache an eine Schule in Braunschweig mit, sondern auch frische pädagogische Ansichten und Lehrmethoden. Und einen Fussball… Er ahnte ja nicht, wie schwer es ist, den Deutschen Fairplay beizubringen.

Der ganz große Traum - Bildquelle: http://centralfilm.de/

Der Film „Der ganz große Traum“ zeigt auf teils humorige, teils dramatische Weise die Konfrontation zwischen modernen Ansichten vom Menschen, der Gesellschaft sowie dem Leben an sich und den menschenverachtenden Verkrustungen eines militaristischen Kaiserreichs. Die Protagonisten der sich auf dem Gipfel ihrer Überheblichkeit befindenden führenden Gesellschaftsschicht, bestehend aus Unternehmern, Kirchenvertretern und Offizieren, sind gleichzeitig mächtige Männer im Trägerverein der Schule. Deren Rektor hat bereits ein von ihnen argwöhnisch beäugtes Experiment laufen: Er lässt ein Kind der Arbeiterklasse am Unterricht teilnehmen. Und jetzt noch dieser neue Lehrer mit seinen ungehörigen Ansichten und Methoden, der seinen Schülern die Vokabeln beibringt, indem er sie Fussballspielen lehrt.

Der Film gehorcht in weiten Teilen den Regeln des Pennälerfilms, angereichert um den Zauber des Fussballs und mit einer gehörigen Prise „Club der toten Dichter“ versehen. Leider fehlt ihm die Magie, die der Film mit Robin Williams erzeugte, und auch zum „Sommermärchen“ reicht es nicht. Trotzdem berührt er die, die bereit sind, sich den historischen Spiegel vorhalten zu lassen:

Beeindruckend bis berührend ist der Film, wenn die absurde Normalität des deutschen Kaiserreichs gezeigt wird: andere Völker sind Barbaren, Lehrer schlagen ihre Schüler, Väter schlagen ihre Söhne, die feinen Herrschaften stoßen die unteren Schichten noch weiter in den Dreck und rühmen sich auch noch dessen. Es ist gruselig zu sehen, wie der Wahnsinn der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Wurzeln in eben jener Gesellschaft hat, deren noch bis in die Mitte des dann folgenden Jahrhunderts anhaltende Gestrigkeit sich besonders an ihrer eifernden Ablehnung eines einfachen Spiels ablesen lässt. Und seien wir ehrlich: Sind wir nicht alle immer noch ein bisschen Kaiserreich? (Hier ließe sich jetzt wunderbar eine Querverbindung zur Guttenberg-Debatte erzwingen, aber das verkneife ich mir, das ist ein anderes Thema und viel zu wichtig, um hier verbraten zu werden.)

Brisanterweise weist der Film mit seinem völker- und schichtenverbindenden Schlussteil ungewollt auch auf eine Entwicklung des modernen Fußballs hin: Wichtigster Wert des Films ist Fairplay, übersetzt unter anderem als Achtung und Respekt für die anderen unbesehen ihres Standes, Geschlechts oder Nationalität. Auf diese Weise kommt es zu einem friedlichen Fußballfest, bei dem die gemeinsame Freude am Spiel zu einer freundlichen Atmosphäre zwischen allen führt. Wer jedoch heute in moderne Liga-Stadien blickt, der erschrickt über die aggressiv ausgrenzenden Rituale, die nicht nur von den „Fans“, sondern auch von den Stadionsprechern gepflegt werden. Laute Sprechchöre und Gesänge, unterstützt von Trommeln und Tröten, erinnern an die Musik auf dem Schlachtfeld, die die Infanterie nach vorne treiben sollte.

Ist es wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn man nicht mehr selbst in die „Schlacht“ ziehen muss und die „Infanterie“ auf dem Rasen nur noch selten tödliche Verletzungen erleidet, aber immer noch die Geringschätzung im Gesicht trägt?

Ich lobe mir da den Frauenfußball (obwohl da immer wieder einige versuchen, männertypische „Stimmung“ zu verbreiten): In einer freundlich-familiären Atmosphäre haben Kinder wie Erwachsene, Männer wie Frauen Spaß am Spiel der Mannschaften. Hier müssen sich nur wenige als „zwölfter Mann“ profilieren, die Ohren werden dementsprechend geschont. Man kann entspannt plaudern und auch sein Picknick einnehmen. Angenehm, auch als Mann… So jedenfalls bei den HSV-Frauen in der 1. Bundesliga. Nächstes Heimspiel ist am 6. März! Die Göre und ich, wir sind dabei.

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Wer schreibt hier wirklich – er oder ich? Die Aufösung steht hier.

Was bisher geschah:
24. Mai 2009: Perspektivwechsel #1 : Der will mir an die Wäsche
8. Mai 2009: Perspektivwechsel #0 : Darf der das – klar, der will nur spielen!

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