Haben Sie Freunde? diegoerefragt #001


Lieber hören statt lesen?

***

Haben Sie Freunde? Halt, antworten Sie nicht zu schnell. Sie können ja noch gar nicht wissen, ob Sie Freunde haben – in meinem Sinne…

anagramm von dörte giebel, 2011

Ich meine nicht Ihre netten Nachbarn, mit denen Sie sich besonders gern treffen, also die auf der linken Seite, während Sie denen von rechts möglichst aus dem Weg gehen bzw. sie nur ertragen, wenn auch die von schräg gegenüber eingeladen sind. Ich meine auch nicht Ihren Lieblingskollegen, mit dem Sie schon so oft beim Bier versackt sind und der sicherlich schon mehr Geschichten aus Ihrem Leben kennt, als Sie glauben, ihm erzählt zu haben (es war nicht immer nur Bier im Spiel…). Ich meine auch nicht die Mutter des besten Freundes Ihres Sohnes, die Sie am Sandkistenrand kennen gelernt haben und die Sie seit Jahren treffen, weil sich Ihre Kinder seit Jahren treffen…

Ich meine Freunde: Menschen, mit denen Sie sich regelmäßig verabreden, ohne dass Sie Ihnen im Laufe eines Mondes sowieso über den Weg laufen. Menschen, zu denen Sie früher einmal in irgend einer anderartigen Beziehung standen – also Ihr Ex-Kollege, die Nachbarn aus dem Dorf, aus dem Sie vor ein paar Jahren weg gezogen sind, die Mutter des Jungen, den Ihr Sohn seit Jahren nicht mehr mit dem A… anguckt. Ich meine Menschen, die bleiben, auch wenn der Rahmen sich verändert. DAS sind Freunde. Menschen, die bleiben, auch wenn die Welt sich weiter dreht. Solche Freunde sind eine sehr seltene Spezies.

Unser Alltag ist voll mit den „naheliegenden“ Menschen, mit denen Verabredungen en passant zu treffen sind – am Arbeitsplatz, über den Gartenzaun hinweg, auf dem Parkplatz vor der Schule. Auf der Strecke bleiben jene „Freundschaften“ eben, die eigentlich nie welche waren – weil es kontextgebundene Verbindungen waren, die ihre Zeit hatten. Das ist nicht schlimm, schon gar nicht im moralischen Sinne. Es ist nur folgerichtig, dass uns Menschen abhanden kommen, weil in einer Woche, in einem Monat kein Platz ist für unendlich viele Verabredungen. In einer Zeit, in der wir mehrmals im Leben den Wohnort und den Arbeitsplatz wechseln und unsere Kinder die Schulen und Hobbies, in einer solchen wechselhaften Zeit haben wir eben auch viele aufeinander folgende Freundschaften Bekanntschaften. Nicht zu vergessen die serielle Monogamie, die mit jedem Beziehungs-Aus einen Wechsel an der Freundschaftsfront mit sich bringt, je nachdem auf wessen Seite sich die schlagen, mit denen man gestern noch entspannt Doppelkopf gespielt hat…

Dabei fällt mir auf, dass serielle Monogamie wiederum auch ein Garant für „echte“ Freundschaften sein kann – wenn man sich zu trennen weiß. Bei Licht betrachtet sind unter meinen fünf „echten“ Freunden/innen – also denen, die über Lebensumbrüche hinweg als kontinuierliche Verabredungen in meiner emotionalen Nähe geblieben sind – drei Ex-Freunde bzw. Ex-Freundinnen. Zum Glück geht es meinem aktuellen Herzallerliebsten genau so, so dass wir hier keine Missverständnisse produzieren. Wir wissen, dass ein/e Ex keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist. Wen wir einmal von tiefsten Herzen geliebt haben, der bzw. die hat natürlich das Potenzial zur Freund/in.

Zum Schluss und bevor Sie zu zählen beginnen, möchte ich noch ein bisschen streng werden: Rechnen Sie jetzt hier und heute bitte nur jene Menschen zu Ihren Freunden, die Sie in diesem gerade zu Ende gehenden Jahr mindestens einmal bewusst, absichtlich und mit Muße füreinander getroffen haben. Alle anderen Menschen haben Sie sicherlich (in Ihrer Erinnerung!) auch sehr lieb – Freunde sind das nicht (mehr). Das ist nicht schlimm. Das ist einfach so. Und es ist auch gut, sich das einfach mal bewusst zu machen. Oder wieder zu verändern.

Also, wie viele Freunde haben Sie…? Oder anders gefragt? Wer war einmal Ihr Freund und soll es 2012 wieder werden? So richtig im Hier und Jetzt.

***

Meine theoretische Konklusio: Mein Konzept von „Freundschaft“ braucht, um sich voll zu entfalten, viel Zeit und mindestens ein wenig Veränderung in den ursprünglichen Bezügen. Wer mein/e Freund/in bleibt, weiß ich oft erst, wenn er nicht mehr mein Nachbar oder mein Kollege ist oder mein Sohn nicht mehr der beste Freund ihres Sohnes… Diese Freundschaften sind die besonderen Perlen unserer Sozialkontakte, sie sind zeitlos strahlend schön.

11 Gedanken zu “Haben Sie Freunde? diegoerefragt #001

  1. Ich gehe nicht konform mit der Aussage, dass nur der ein guter Freund ist, den ich persönlich getroffen habe. So habe ich einige sehr alte Freunde, die ich nicht jedes Jahr treffen kann, weil sie nicht in HH wohnen. Aber wir telefonieren in extensio und ich weiss, bei ihnen kann ich nachts vor der Tür stehen und sagen: Mach bitte auf und hilf mir. Und sie würden mir aufmachen und mir helfen . Das zeichnet in.meinen Augen echte Freunde aus.

  2. Ja! habe ich! Leider nur noch fünf, weil einer viel zu früh gehen musste. Und interessanterweise sind drei davon weder bei Facebook, noch bei Twitter, noch bei XING…

    Aber Deine Beschreibung trifft es sehr genau. Mindestens einmal im Jahr. Bewusst! Und nur zum Reden, Bier trinken, spazieren gehen, sich Rat, Warnung und Bestätigung holen.

    Alle werden bleiben!

  3. … hm…. ich glaube es ist mal wieder an der Zeit, mich massiv zu verändern… um den Härte-Freundschafts-Test 2012 einzuläuten….😉 ….
    … und das ist wirklich ein Härtetest,… oder wie viele Liebesbeziehungen bestehen auch nur das Ende des zeitweise gemeinsam verbrachten Studiums?

    Auf meine derzeitige Freundschaftzahl will ich mich just im Moment lieber nicht festlegen (erst mal telefonieren – in extensio😉 ). Aber an (lediglich) einer Hand abzählen kann man sie.

    Herzlich monsi

  4. @mons7 und @Sebastian .,.. vielleicht ist das eine-Hand-Prinzip eine natürliche Grenze bei der Freundschaftsauslese … plusminus eine weitere Hand natürlich.🙂

  5. Ein schöner und nachdenklich machender Beitrag. Dankeschön dafür. Habe lange nichts mehr gelesen, was so ansprechend ist, ohne schnulzig zu sein oder dem Anspruch genügen zu wollen, irgendwie noch etwas Witziges reinzubringen.

    Und ich finde das Thema Freundschaften sehr aktuell, auch und gerade in Zeiten, in denen bei Facebook und Co. Die Zahl der „Freunde“ oft in hunderten gemessen wird – und ich möchte behaupten, dass viele davon noch nichteinmal Bekannte sind.

    Hängen geblieben bin ich daran, dass Du Freundschaft daran festmachst, dass man sich einmal im Jahr sehen muss. Mein erster Gedanke war eher „1x reicht nicht“, in den Kommentaren lese ich, dass für manche Freundschaften auch kein Mal reicht, wenn zum Beispiel intensiv telefoniert wird.

    Bei mir ist es wohl auch so, dass die Eine-Hand-Regel in etwa passt und keine(n) davon sehe ich mehr als drei oder vier Mal im Jahr. Was für mich in 2011 etwas Besonderes war, dass ich eine neue echte Freundschaft gefunden habe. Denn gerade das finde ich mit zunehmendem Alter immer schwieriger – die meisten kenne ich schon lange bis sehr lange.

  6. @Markus
    Lieber Markus, das freut mich sehr, dass Du den Text so schätzt – schließlich will ich mich hier ja auch in einem eigenen literarischeren Schreibstil üben. Dass Du von einer neuen Freundschaft sprichst, ist in der Tat spannend, weil – so bemerke ich das selbst auch – immer weniger Platz dafür bleibt, auch ganz innerlich, nicht nur äußerlich zeitlich… Es ist, als ob die Plätze im Herzen belegt sind.
    Ich selbst muss leider feststellen, dass ich in diesem Jahr eine Freundschaft verloren habe. Das schmerzt in der Rückschau, denn wir haben uns sieben Jahre durchs Leben begleitet – doch tatsächlich haben sich unsere Leben so sehr auseinander entwickelt, es gibt keinerlei automatische Berührungspunkte mehr (vorher haben wir uns drei jahre lang jeden Donnerstag in der heikpraktiker-Ausbildung und dann drei jahre lang einmal im Monat für ein ganzes Wochenende in der Homöopathie-Ausbildung gesehen – und da zeigte sich leider, dass wir die Energie füreinander nicht mehr aufbringen konnten/wollten… wie auch immer. Es bleibt ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, irgendwie versagt zu haben. Im Loslassen und Verabschieden solcher Freundschaften haben wir keine Übung und auch keine Rituale…

  7. Ich will noch etwas nachtragen.
    Denn auch ich habe in 2011 zwei Freundschaften beendet. Weil es eben keine Freundschaften mehr waren. Oder im engsten Sinn wohl gar nie waren. Und es Zeit wurde, sich zu ent-täuschen. Damit Platz wurde für die Sorgen, Nöte und Freuden der echten Freunde.
    Hat gut geklappt, ich fühle mich befreit.
    Ausserdem gibt es Freundschaften, die sich einfach so „aushatschen“. Die eine Zeitlang so wichtig waren, so tief. Aber durch die Veränderungen im Leben ihre Tragfähigkeit verlieren, man selbst vielleicht den Ansprüchen des anderen nicht mehr genügt, den anderen enttäuscht, ihn und seine Art auf einmal nicht mehr braucht. Alles ok, wenn man sich nicht in anhaltendem Zorn trennt. Was leider nicht immer für beide Seiten klappt. Schade!

  8. @Martina Das Thema, was Du ansprichst, verdient einen eigenen Blog-Artikel. Wie beenden wir Freundschaften? Dafür fehlt meines Erachtens jede Kultur (nicht das die Trennungskultur bei Liebesbeziehungen immer so glorreich wäre…). Die Gründe, die Du ansprichst, warum eine Freundschaft vorbei sein könnte, finde ich allesamt bedenkenswert – und manchmal lügen sich Freunde/innen hier ganz schön was in die Tasche und halten etwas aufrecht, was eigentlich nicht mehr trägt… Schön zu hören, dass Du Dich so befreit fühlst. Ich wünsche Dir viel Freude an Deinen Freundschaften mit Bestand!

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