Ist eine Informationsdiät moralisch vertretbar? diegoerefragt #007


Dies ist kein Plädoyer dafür, sich aus allen Sozialen Netzwerken abzumelden. Es geht mir auch nicht um Medienkompetenz und die gesunde Balance zwischen Online und Offline. Ich selbst möchte Efekte wie Serendipity nicht mehr missen und werde mir darum meine tägliche Dosis Twitter (oder Quora oder Quote.fm oder oder) nicht nehmen lassen.

Ob die Headline geschickt gewählt ist, weiß ich nicht, denn der Begriff “Informationsdiät” ist ganz schön besetzt, nicht zuletzt seit Clay Johnson, der 2008 Barack Obamas Online-Kampagne betreut hat, ein Buch mit eben diesem Titel (The Information Diet) geschrieben hat. Zu Recht vertritt er darin die Auffassung, dass wir durch ein Reden von Information Overload und Informationsflut so tun, als ob uns da etwas bedrohe, was wir nicht unter Kontrolle halten könnten. Quatsch. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht die Frage, warum wir alle meinen, so irre gut informiert sein zu müssen, so dass ein regelrechter Wettstreit entsteht à la “Wie, davon hast Du noch nichts gehört?” oder “Ach, das hast Du noch gar nicht mitbekommen?”. Na und?

Mir geht es um etwas anderes. Mein Eindruck ist, dass wir alle irgendwo das Kleingedruckte vermuten, in dem steht: Informiert zu sein, ist erste Bürgerpflicht. Es ist aus meiner Sicht seit vielen Jahrzehnten eine moralische Frage, wie viel Informationen ich in mir herumtrage – für den Fall der Fälle eben. Dieser Fall der Fälle trat 1933 ein. Der meist gesagte Satz im Nachhinein war sicherlich “Davon habe ich nichts gewusst.” So so. Die Generationen danach haben das nicht wirklich gelten lassen, und bis heute glauben viele, dass sich der Nationalsozialismus hätte verhindern lassen, wenn mehr Bürger sich besser informiert hätten und aufgrund dessen wehrhafter gewesen wären… Dass man die Nachtigall trapsen hören könne, vor allem im Politischen, dass alles durchschaubar sei, wenn man nur alle Informationen zusammen nehme und miteinander abgleiche, und das es dann immer noch einen Spielraum zum eingreifen gebe, daran wollen wir glauben. Und aus diesem Übereifer heraus – so erkläre ich mir das – zerren wir heute alles ans Licht der Öffentlichkeit, sobald wir bei irgendeinem Politiker auch nur einen Ansatz zum Zeifeln an dessen moralischer Integrität gefunden haben. Herr Wulff weiß ein Lied davon zu singen. Dabei ist das, was er tut, aufs Ganze gesehen für dieses Land ziemlich irrelevant.

Was soll’s, wenigstens wissen zurzeit relativ viele Menschen in diesem Land über Wulff Bescheid. Der soll sich vorsehen, der kann uns nichts! Aha. Wie aber zurzeit die Zuwanderung geregelt wird, wem wir in Deutschland bzw. Europa überhaupt unter welchen Bedingungen Asyl gewähren, welche Überwachungstechniken gegenüber Privatpersonen sich der Staat erlauben darf und welche nicht (Stichwort Staatstrojaner) und was er (wer?) trotzdem tut, wie der Stand der Dinge im Kampf gegen Kinderpornografie im Internet ist, welche Parteien wirklich nach Alternativen zur Gegen-Finanzierung von Bankenkrisen suchen, wer weiß das schon? Wer hat sich damit schon eingehend beschäftigt? Anders gefragt: Wer könnte eigentlich wirklich etwas verhindern, nur weil er Bescheid weiß. Wer küsst uns wach, wenn wir alle vorm Fernseher eingeschlafen sind, während die Tagesschau den neuesten Stand in der Wulff-Affäre bekannt gibt?

Und somit schließe ich diesen Artikel mit der schnöden Meinung, dass die tägliche Dosis Tagesschau uns vor keiner politischen oder wirtschaftlichen Katastrophe bewahren wird. Aber vielleicht bin ich da auch nur zu pessimistisch und will mir eine Ausrede dafür parat halten, dass ich mich nicht permanent so gut informieren muss. Das ist nämlich ganz schön anstrengend – nicht zuletzt deshalb, weil ich dafür ja mein Hirn anwerfen muss, denn all diese Informationen wollen bewertet werden, sprich zu all diesen Informationen muss ich mir ja auch noch eine Meinung bilden. Und wie soll ich das denn in mein Work-Life-Balance integrieren, wo ich doch schon so viel Freizeitstress habe und mich neben der Arbeit ja auch noch ein paar Stunden am Tag gut amüsieren oder völlig entspannen muss.

Tja, einfach nur hart arbeiten und ein schönes Leben haben kann ja jeder… Moralisch einwandfrei ist das nicht. Insofern antwortet meine Antwort auf die Frage: Nein. Aber ein in diesem Sinne moralisch einwandfreies Leben ist auch nicht das Allheilmittel.

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3 Gedanken zu “Ist eine Informationsdiät moralisch vertretbar? diegoerefragt #007

  1. die Frage ist doch, ob Information auch als Handlungsaufforderung verstanden und genutzt wird, darin sehe ich eine Schwäche des Informationsparadieses, in dem wir leben. “Wir” – damit ist aber nur ein recht kleiner Teil der Gesellschaft gemeint: Es gibt auch in Deutschland unglaublich viele Menschen ohne Netzzugang oder -nutzung, es gibt soga Leute ohne Telefonanschluss! Das soll keine Sozial- Moralkeule sein – vielen davon geht es bestens, sie leben lediglich in einer DSL-freien Zone oder haben mit Computern nix am Hut. Diese Leute fallen bei allen Diskussionen über Vernetzung und Informationsgesellschaft komplett raus.

  2. Ich würde die Frage auch gern jenseits bestimmte Medien diskutieren. Das Netz ist für diese Informationspflicht-Moral, die ich meine, gar nicht notwendig, da reicht ein Radio oder ein Fernseher vollkommen aus.

  3. Leuchtet mir ein – aber ich frage wieder zurück: Ist denn diese Informations-Verpflichtung verbreitet oder beschäftigt das nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft? Haben denn wirkllich viele Menschen den Bedarf, sich mit allen Schikanen tiefgreifend zu informieren oder wird weggezappt/weitergeklickt, wenn es wirklich um Sachinformation und Hintergründe geht? – Ich bin da wieder mal skeptisch.

    Ich glaube, dass die Art und Weise, wie Skandale und Skandälchen medial bearbeitet werden, zum Teil auch ein Selbstzweck ist: Die Medien freuen sich über ihre Möglichkeiten, scheinbar unangreifbare Personen und Institutionen mit bislang unbekannten Mitteln und Methoden infrage zu stellen und daraus eine Art Kräftemessen zu machen. Ob dahinter dann wirklich auf Medienseite ein Gefühl von demokratischer Verpflichtung steht, stelle ich mal so dahin…

    Bei der Menge an Informationen, die uns teilweise ja sogar mittelbar betreffen, kann doch kein Mensch wirklich immer ein Teilnehmender sein und in diesem Sinne Anteil nehmen, weil er dann zu nichts kommt und sich ständig für alles verantwortlich fühlt. Die Alternative sieht dann in meinen Augen entweder so aus, dass man irgendwann “abschaltet”, sich also also aus Selbstschutz aus der Informationsaufnahme bewusst ausklinkt oder vor lauter Verantwortung für die Dinge, die da draußen passieren und von denen man dank moderner Medien immer mehr mitbekommen, früher oder später den Überblick verliert.

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