Wie viele Leben lebst Du? dieGoerefragt #009


Eine Freundin von mir ist Doktor der Chemie, obwohl das Fach sie gar nicht wirklich interessiert, weil sie ihren Vater nicht enttäuschen wollte. Jetzt ist ihr Vater gestorben, sie hat gekündigt und erfindet sich neu. Ein Freund von mir hat andauernd Affären, weil er nicht von der Idee lassen kann, dass eine andere die nächst bessere Frau für ihn ist. Manchmal löst die Affäre dann auch die Beziehung ab, um dann wiederum betrogen zu werden. Und ich, ich muss dauernd neue Berufe lernen und ausüben, weil ich die Vorstellung nicht ertrage, meine eigentliche Bestimmung verpasst zu haben. Und bis heute sage ich: „Wenn ich groß bin, werd‘ ich Künstlerin.“ Ach ja, und ich muss dauernd nach Norwegen in den Urlaub fahren, weil ich mich nicht traue, einfach auszuwandern…

Heute ist Sonntag und mich beschäftigt die Frage, wie wir mit unseren Sehnsüchten umgehen. Wie wir damit umgehen, dass wir letztlich nur EIN Leben leben können, in jedem Moment nur das eine tun können und dafür die vielen anderen Möglichkeiten, die mehr oder weniger bewusst in uns schlummern, ziehen lassen müssen. Dabei geht es mir vor allem um Unvereinbarkeiten. Und darum (heute vor allem darum…), wie viel von einer Möglichkeit in „klein“ oder „abgewandelt“ ins gelebte Leben geholt werden kann, um Glück und Zufriedenheit zu erzeugen, ohne dass anderes geschmälert oder gar gefährdet wird. Da fällt mir wieder jener Freund ein (der mit den Affären), der so gern sagt: „Wenn ich mich zwischen Zweien entscheiden muss, dann wähle ich … alle Drei.“

Ich versuche mich dann an die Biologie zu halten. Die zeigt ja auch nichts anderes als eine Anhäufung von Möglichkeiten, von denen sich dann jeweils eine durchsetzt und „materialisiert“. Mit den Genen ist das so. Wobei wir auch Zwischenformen kennen, nicht immer ist alles ganz eindeutig (Stichwort Intersexualität), aber immer ist es eines – egal, wie es gedeutet werden kann. Es ist. Egal, was es ist. Aber es ist so und nicht anders.

Werde ich eines Tages in Norwegen leben?

Ich weiß, dass ich viele andere Leben in mir habe. Es ist in manchen Momenten schmerzhaft, in anderen tröstlich, das zu wissen. Schmerzhaft ist es, wenn die Sehnsucht mich halb umbringt. Tröstlich ist es, weil sich mein Leben niemals alternativlos anfühlt. (Und in Gedanken bin ich jetzt bei meinem Bruder, der keinen anderen Ausweg aus seinem Leben gesehen hatte …)

Das Wichtigste ist wohl, sich immer wieder zu vergewissern, dass das, was wir als unser Leben materialisieren, eine gute Wahl ist, zu der wir stehen können. (Nichts anderes ist es, was in der berühmten Midlife Crisis auf dem Prüfstand steht.) Solange wir das vom gelebten Leben sagen können, halten wir die „verworfenen“ Möglichkeiten besser aus. Allein die Wahrnehmung, DASS wir eine Wahl haben, ist von enormem Wert für das Empfinden von Zufriedenheit bzw. Glück. Und ich erlebe mein gelebtes Leben als ein gewähltes und bin dankbar dafür.

Und wie das kleine Glück im Großen aussieht – der Norwegenurlaub vom Hamburger Alltag zum Beispiel – das kann nur jede/r für sich allein herausfinden. Und von den wenigsten Menschen werden wir jemals erfahren, welche Sehnsucht von ihm/ihr ausgelebt wird, in einem Hobby, einem Urlaubsort, einem Ehrenamt, einem Projekt, einer Freundschaft…

***

Glück ist,
der Sehnsucht im Leben einen Raum zu geben,
in dem es sich ausdehnen und erweitern kann,
ohne zu implodieren.

***

3 Gedanken zu “Wie viele Leben lebst Du? dieGoerefragt #009

  1. Das ist sehr schön, dass deine dieGoerefragt-Serie eine Fortsetzung erfahren hat. Ich habe diese Beiträge vermisst und gerade beim Blättern in deinem Blog festgestellt, dass die ersten Beiträge schon 2012 waren.

    Ich kenne dieses Gefühl, vor verschiedenen Alternativen zu stehen und wählen zu müssen. Oder eine Wahl getroffen zu haben – und plötzlich scheinen die anderen Alternativen interessanter.

    Dennoch, solange die Möglichkeiten vorhanden sind und es „nur“ Mut braucht, sie anzugehen oder sich vielleicht auch einmal umzuentscheiden, ist es das Leben und gut zu wissen, dass es eine Wahl gibt.

    Schmerzhaft empfinde ich es immer dann, wenn die attraktivste (oder zumindest so erscheinende) Möglichkeit nicht greifbar ist und alles andere uninteressant wirkt. Wird es dann irgendwann doch erreicht – siehe oben…

  2. Danke Michael, danke Markus, für Eure Kommentare! Es tut gut zu erfahren, dass meine Gedanken Euch berührt haben. IOch werde versuchen, in nächster Zeit mal wieder häufiger ein paar Fragen zu stellen, die mich bewegen…

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