Cyberfeministinnen und Backlasher vereinigt Euch! re:publica Nachlese No. 2


Es war meine erste re:publica. Über Frauen und „Frauenthemen“ habe ich mir in dem Zusammenhang zugegebener Maßen zunächst gar keine Gedanken gemacht – zu sehr war ich damit beschäftigt, begraben unter einem Berg von Arbeit überhaupt meine Teilnahme sicher zu stellen. Jetzt im Nachinein erinnere ich mich an ein leichtes vorbewusstes Freuen beim Blick aufs Programm: jede Menge spannende Themen rund um feministische Fragestellungen und jede Menge spannende Frauen auf den Podien (und zwar nicht nur zu feministichen Themen!!!). Ich gebe zu, ich hielt beides für normal…

Bei der Begrüßung durch die re:publica-MacherInnen erfuhr ich dann, dass mit 30 Prozent Frauenanteil so viele Blogerinnen wie nie zuvor bei einer re:publica anwesend seien. Vielleicht dämmerte mir da etwas: Es könnte für manchen etwas ungewohnt unbequem werden…

Und dann fange ich endlich an zu begreifen, dass da mehr im Busch ist…

… und zwar als ich in einer Session sitze, die mit „Shitstorm? You can do it!“ angekündigt worden war, und etliche Männer dann enttäuscht den Raum verlassen, weil es hier ja um etwas ganz anderes gehe, nämlich um Feminismus. Darunter auch die Mitarbeiter von ZDFneo, die ihren Frust beim Rausgehen nicht nur für andere hörbar ausdrücken, sondern dies auch noch twittern:

Hätten die Qualitätsjournalisten Auftragstwitterer (KORREKTUR 18.04.2011: siehe den jüngsten Leak von Gutjahr!) des ZDF doch nur ein wenig länger durchgehalten, dann hätten sie begriffen, dass es sehr wohl um Shotstorms gehen kann, wenn das Wort „Feminismus“ vorkommt. Die Session von Helga Hansen und Kathrin Ganz hatte Substanz und bot spannende Einblick in Shitstorm-Initiativen, mit denen sich Frauen gegen prominente Verharmlosung von sexistischer Gewalt zur Wehr setzen sowie in das brandneue Projekt Hatr – eine Trollmonetarisierungsplattform. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat im Gegensatz zu ZDFneo das übrigens verstanden und zwei sehr gute Blog-Artikel (1, 2) über die Session veröffentlicht – verfasst von einem Robert. (Huch, ein Mann!)

Die zweite Episode, die mich nachdenklich stmmte, ereignete sich am zweiten Tag. Ich saß im großen Saaal im Friedrichstadtpalast und lauschte den „BlogerInnen im Gespräch“. Die gehörlose Bloggerin Julia Probst – auf Twitter bekannt als @EinAugenschmaus – begeisterte das Publikum durch ihre herzerfrischende Art und Weise über das Lippenlesen von fluchenden Fußballern und die Spitznamen von Politikern zu plaudern. : Einige der getwitterten Kommentare über sie waren vielleicht ein bisschen sehr typisch gönnerhaft, wie es nur „Normalos“ sein können, die bekunden wollen, dass sie jemanden ganz toll finden, der irgendwie anders ist als sie… Nach ihr kam Katrin Rönnicke auf die Bühne, Vorsitzende der feministischen Initiative Frau Lila und Mitglied im Frauenrat der Heinrich-Böll-Stiftung. Und Katrin hatte nunmal eine etwas ruhigere Art, über ihre Themen zu sprechen. Doch nach der charismatischen Julia wollte sich niemannd so recht drauf einlassen, die Twitterkommentare wurden auf die typische Art und Weise ätzend, die alten langweiligen Sprüche von öden Feministinnen wurden bemüht, z.B.:

Schade. Denn Katrin hatte, genau so wie Julia, durchaus etwas zu sagen.

Nachdem ich etwas nachdenklich aus der Session hinausgegangen bin, hat mich die Frage bis jetzt nicht losgelassen, ob eine feministische Perspektive auf Netzkultur und Netzpolitik wirklich für viele (Männer) so unangenehm ist, dass sie derart abgewehrt werden muss.

Thomas Knüwer hat seine Wahrnehmung der Abwehrhaltung in seiner Nachlese ganz treffend beschrieben:

In den vergangenen zwei Jahren, zum Beispiel, forderten viele Teilnehmerinnen mehr Podien zu Frauenthemen. Nun gibt es die – und das Genöle war groß über all die Feministinnenthemen.

Wie groß das Genöle tatsächlich ist, beweist der Blog-Artikel von Elcario:

Was sollte eigentlich dieser ganze Feminismusquatsch? Gefühlt hatte jede zweite Session irgendwas damit zu tun. Ich sage nicht, dass wir keinen Feminismus brauchen, oder dass ich das total doof finde. Nein, wir brauchen einen starken Feminismus, aber einen, der nicht nur rumheult, sondern Lösungen schafft. (…) bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ein Taschentuch auf die Bühne bringen zu müssen, beschränkt eure Diskussionen auf ein zwei wirklich starke Panels – zum Nach- und Weiterdenken – aber lasst die re:publica die re:publica sein, und nicht das FemCamp, oder CyberFamCamp.

Stellt sich nun also die entscheidende Frage, wie viel Feminismus „erlaubt“ ist.

Dazu fällt mir bis jetzt nur folgendes ein (ich kaue aber weiter drauf rum und update diesen Artikel sukzessive):

Wenn viele Session-Vorschläge mit einer feministischen Perspektive eingereicht werden, ist es nur konsequent, ihnen entsprechend Raum zu geben. Wenn das jemandem nicht gefällt, dann ist er vieleicht nicht auf der Höhe der Zeit.

UPDATE 18.04.2011, 01:00 Uhr: Ich nehme das „under construction“ jetzt mal raus und lasse den Artikel unverändert so stehen.

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