Wann wurden Sie das letzte Mal in Naturalien bezahlt? diegoerefragt #002


Wann haben Sie selbst einmal in Naturalien bezahlt? Wofür würden Sie eine Ersatzwährung akzeptieren? Und dürften es statt Naturalien auch Artefakte oder Dienstleistungen sein?

Diese Fragen beschäftigen mich immer wieder seit vor vielen Jahren. Sie sollten uns alle beschäftigen, die wir überall nur noch auf das Preisschild starren…

Die Währung ist nicht Ei(n)erlei! Fotoquelle: (c) Frank Ruttkamp, http://www.foto-lizenzfrei.de

Ich weiß noch ganz genau, wann ich das erste – und letzte Mal – in Naturalien bezahlt wurde. Ich arbeitete damals (ich bin 41, ich darf „damals“ sagen…) noch als Heilpraktikerin und psychologische Beraterin. Eine Frau kam zum Vorgespräch und erklärte rasch, dass sie an der Beratung zwar sehr interessiert, aber aber nicht finanzkräftig genug sei, um das Geld für die wöchentlichen Sitzungen aufzubringen. Nun hatte ich in meiner Ausbildung gelernt, dass es in solchen Konstellationen nicht hilfreich ist (für beide Seiten nicht!), die eigene Arbeitsleistung zu verschenken oder zu stark zu rabattieren. So suchte ich gemeinsam mit meiner potenziellen Patientin nach einer Lösung – in Erinnnerung an meine Ausbilderin, die nie müde wurde zu betonen, dass Menschen einen Gegenwert erbringen wollen – und auch sollen, tatsächlich um ihrer selbst willen.

Die Lösung war schnell gefunden: Die Patientin bot mir für die psychologische Beratung Körbe prall gefüllt mit Bio-Obst und -gemüse an, wovon sie auf ihrem Hof reichtlich hatte. (Sie war also reich, in gewisser Hinsicht.) Ich schlug ein, essen musste ich schließlich sowieso. Kurze Zeit später kam wieder eine Frau zu mir, die zwar gern meine Beratung in Anspruch nehmen wollte, aber nicht dafür bezahlen konnte. Kein Problem, dachte ich bei mir, irgen etwas wird sie schon im Angebot haben, was ich brauchen kann. Sie war Fotografin. Ich träumte von guten Aufnahmen von mir – aus meiner Sicht ein perfekter Deal, ich schlug ihr ein Tauschgeschäft vor. Doch wider Erwarten zierte sich diese potenzielle Patientin über die Maßen. Sie verließ nachdenklich meine Praxis und rief mich kurze Zeit später an, dass sie zu einem solchen Handel nicht bereit sei, es käme ihr nicht angemessen vor.

Ich war zunächst verdutzt und habe schließlich viel gelernt: Dass es etwas anderes ist, in Naturalien zu bezahlen als in Form einer Dienstleistung – die nämlich womöglich eine Verbindung (Nähe!) herstellt, die als unangebracht oder unangenehm empfunden wird. Dass es auch schlichtweg ungewohnt sein kann, ein solches Angebot zu bekommen, weshalb nicht jede/r gleich beherzt zugreift. Dass es einer Verhandlung bedarf, um sich über Wert und Gegenwert zu verständigen – denn wenn meine Beratung pro Sitzung 80,- Euro kostete, ihre Fotosession insgesamt 200,- Euro, dann hätte sie damit nur zwei Drittel der vorgesehenen Sitzungen bezahlt, ich wäre damit aber durchaus sehr zufrieden gewesen, weil ich mir ja die aufwändige Suche einer Fotografin erspart hätte… Mein Fazit: Ersatzwährungen dürfen nicht über den Umweg des konkreten Geldwertes errechnet werden.

In meinem ganzen Berufsleben habe ich seither nur eine weitere Erfahrung mit solchen Ersatzwährungen gemacht, allerdings nicht in Form einer vorab verhandelten Bezahlung, sondern eher in Form einer nachträglichen Bonuszahlung – und zwar mit meinem früheren Kunden und heutigen Arbeitgeber. Ich bekam einen Fernlehrgang geschenkt, als Dankeschön für unzählige Überstunden – damals noch auf Agenturseite – für ein Projekt, das völlig aus dem Ruder gelaufen war, ohne dass ich dafür nachkalkulieren konnte. Manchmal ist es (das weiß jede/r, der/die mal in einer PR- oder Werbe-Agentur gearbeitet hat) schlichtweg Ehrensache, nicht mehr auf die Uhr zu schauen, sondern einfach etwas gemeinsam zu Ende zu bringen (zumal wenn die Ansprechpartnerin auf Kundenseite später des Abends auch noch das Bier mitbringt, wenn man die Entwürfe nochmal durchgeht…). Und so kam es, dass ich meinen damaligen Wunschlehrgang kostenfrei absolvieren konnte (ich erwähnte wohl beim Bier, dass ich darauf riesige Lust hätte…). Ich bin für diese faire Geste bis heute dankbar. Es waren wirklich viele unbezahlte Überstunden…

Was mich zu der Erkenntnis bringt, dass es manchmal auch gut ist, einfach ein bisschen abzuwarten, ob sich der Gegenwert nicht doch noch einstellt. Wie sagt meine Schwester immer: „Es gleich sich alles aus im Leben.“ Ich versuche, danach zu leben.